Ein Kommentar von Laurin
Diese Woche wird der 13. Februar sein, in dem die Stadt Dresden wieder beweisen wird, dass sie mindestens zu wenig und zynisch gesagt rein gar nichts aus ihrer Geschichte gelernt hat. Ich schreibe diesen Blogpost, weil ich das Ganze dieses Jahr zum ersten Mal boykottieren werde und berichte davon, was ich persönlich stattdessen getan habe.
Dabei gedenke ich im Besonderen den Behinderten und psychisch Kranken, die erst vor einem Jahr als Opfer des Nationalsozialismus durch den Deutschen Bundestag anerkannt wurden.
Euthanasie-Gedenken
Ich habe am 27.01. Blumen niedergelegt und eine Mahnwache gehalten, um den Opfern der sogenannten Euthanasie-Aktion zu gedenken. Diese Mahnwache habe ich am Deutschen Hygiene Museum gehalten. Von dort aus wurde pseudowissenschaftliche Euthanasie-Propaganda in der ganzen Welt verbreitet.
Das Thema geht mir sehr nahe, weil mein Bruder in Pirna Sonnenstein ermordet worden wäre, hätte er in der NS-Zeit gelebt.
Ich glaube, ich hätte da auch sterben können. Nicht wegen meiner Schwerbehinderung, da wäre ich vermutlich als „Asperger-Autist“ und damit „lebenswert“ klassifiziert worden. (Es ist so ekelhaft und verstörend! Zumal die überholte Asperger-Diagnose immer noch genutzt wird!). Mich hätte man vielleicht wegen meiner sexuellen Orientierung nach Sonnenstein gebracht. Aber das ist Gott sei Dank lange vorbei, oder?
Na ja, manchmal habe ich schon das Gefühl, dass Leute immer noch denken, so Leben wie meines sollte es nicht geben. Ich mag diese (meine) Gefühle nicht. Ich mag diese (meine) Gesellschaft nicht, die so Gefühle hervorruft.
Es macht mich alles so wütend, dass ich kaum Worte finden kann, die nicht verwirrend bis hochgradig problematisch sind.
Bitte seht mir das nach.
Denn ich bin in Dresden aufgewachsen. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, dass ich an der noch zerstörten Frauenkirche Kerzen aufgestellt habe. Und, dass die Polizei mich am Postplatz wegen Neonazis nicht durchlassen wollte.
Ich habe immer brav an der Menschenkette teilgenommen und immer brav Nazis ausgebuht. Gehört halt dazu in Dresden.
Und auf all das habe ich dieses Jahr überhaupt keinen Bock mehr.

Der 13. Februar ist ein falscher Tag
Dresden ist die einzige Stadt in ganz Deutschland, die der eigenen Zerstörung gedenkt. Es ist die einzige Stadt, die sich als Opfer inszeniert. Und es ist die einzige Stadt, die bis heute ihre Opferrolle immer wieder neu erfindet:
Das arme Dresden, dessen bedenkenloses Gedenken jedes Jahr von den bösen Neonazis instrumentalisiert wird.
Nein. Ich will das nicht mehr.
Es ist eine Schande, dass es hier jedes Jahr ein offizielles Gedenken am 13. Februar gibt, aber kein vergleichbares Gedenken am 27. Januar!
Es ist eine Schande, dass auf dem Heidefriedhof Täter und Opfer des Nationalsozialismus auf eine Ebene gestellt werden.
Und ich fühle mich in all dem so hilflos, weil ich nie einen guten Umgang gelernt habe. Denn so wichtig Nazis blockieren auch sein mag: Es ist kein Holocaust-Gedenken; es ist keine Aufarbeitung.
Täter und Opfer in meiner Familie
Ich weiß sehr wenig über die Täter meiner Familie. Ich weiß über viele meiner Vorväter gar nichts und ich weiß über manche, dass sie nach dem Krieg plötzlich nicht mehr viel erzählt haben.
Am meisten weiß ich über eine Person, die ich als Opfer verstehe. Denn hätte es nicht in der Familie ein außereheliches Kind gegeben, könnte ich heute diesen Artikel nicht schreiben, weil dieser Vorfahre in den Augen der Nazis Jude gewesen wäre.
Dieser Vorfahre von mir war trotzdem auch NSDAP-Mitglied. Mir wurde berichtet, dass er das zum Schutz gemacht hat. Ich weiß, dass er Arzt war. Und mir wurde erzählt, dass er damals ganz viel wissenschaftliche Evidenz vorsätzlich falsch ausgelegt hat, um Betroffene von einer Erbkrankheit vor der Euthanasie zu bewahren.
Und er hat zu DDR-Zeiten immer wieder davon gesprochen, dass ihm die Nazis die besten Jahre seines Lebens geraubt hätten.
Ich weiß, der natürliche Feind des Historikers ist der Zeitzeuge. Deswegen nenne ich auch seinen Namen nicht. Ich habe auch Angst davor, dass er doch Täter gewesen sein könnte. Ich weiß nicht, ob ich gerade damit umgehen könnte.
Für mich ist er ein Vorbild, weil er in einer denkbar düsteren Zeit den Mut gehabt haben soll, das den Umständen entsprechend Richtige zu tun. Es gibt mir Kraft, dass ich solche Menschen in der Familie haben könnte.
Die vermutlichen Täter in meiner Familie sind mir dennoch eine Mahnung. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich auch das Zeug für einen guten Täter hätte. Das macht mir Angst.
Und deshalb möchte ich mir dieses Vorbild erhalten, das ich verraten müsste, wenn ich jemals Täter werden sollte.
Was ich dieses Jahr anders gemacht habe
Ich habe im Stillen getrauert um Millionen Jüden*innen und Osteuropäer sowie um tausende politische Feinde, Homosexuelle, Transsexuelle1, Sinti und Sintizze sowie Roma und Romnja, Zeugen Jehovas, Armutsbetroffene, Kriminelle und Kriminalisierte sowie psychisch und körperlich kranke oder behinderte Menschen, die in den Mordfabriken der Nazis vernichtet wurden.
Und habe mich persönlich mit dem Trauma beschäftigt, das die NS-Zeit über mehrere Generationen in meiner Familie verursacht hat.
Ich habe im Stillen meinem Urgroßvater gedankt, der hoffentlich Menschen vor der Euthanasie bewahrt hat.
Zum ersten Mal habe ich das nicht gemacht, um für Weltfrieden oder gegen Nazis zu sein. Ich habe das einfach für mich gemacht.
Und ich werde dieses Jahr den 13. Februar in Dresden komplett boykottieren und in einer anderen Stadt sein. Seht es mir bitte nach, ich brauch’ den Abstand.
Wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt: Trauert, wenn ihr das müsst, für euch um Opfer des 13. Februars in eurer Familie.
Aber bleibt fern vom öffentlichen Gedenken und lasst auch die Menschenkette sein. Macht stattdessen lieber für mich mit bei Dresden WiEdersetzen! Ohne dieses Bündnis wäre ich mit meiner Aufarbeitung niemals so weit, wie jetzt.
Bilder:
- historische Begriffe ↩︎


Die Aussage, dass Dresden als einzige Stadt in Deutschland der Zerstörung im 2. Weltkrieg gedenkt, ist falsch. So findet z.Bsp. in Pforzheim alljährlich ein Gedenktag wegen der Zerstörung Pforzheims am 23. Februar 1945 statt. Auch in anderen deutschen Städten gibt es ähnliche Gedenktage.
„Der 23. Februar eines jeden Jahres ist seit dem Jahr 2003 offizieller Gedenktag der Stadt Pforzheim und dient als Tag der Trauer und Besinnung dem friedlichen Gedenken an die Opfer des Bombenangriffs.“
https://www.pforzheim.de/stadt/stadtgeschichte/gedenken-friedenskultur/gedenktage/23-februar.html
Hallo Hinweisgeber!
Danke für dein Feedback. Wir möchten dir den Hinweis geben, dass es sich in diesem Beitrag um einen persönlichen Kommentar handelt, in dem unpräzise und überspitzte Formulierungen sehr üblich sind. Beispielsweise gab es auch Magdeburg und Chemnitz kleinere Veranstaltungen. Trotzdem ist Dresden einzigartig in seinem auf die eigenen Opfer zentrierten Umgang. Denn an vergleichbaren Gedenkveranstaltungen nehmen meistens kaum eine Handvoll Menschen teil. Und es gibt keine Stadt in Deutschland, die mit solch einem Großaufgebot (10 000 Menschen in der Menschenkette, unzählige Kranzniederlegungen und Denkmäler, mehrtägiges Rahmenprogramm, ebenso diverse kirchliche Veranstaltungen etc. – und eben Deutschlands größter Neonaziaufmarsch) „gedenkt“.
Kultiviert wurde dieses öffentliche Gedenken bereits in der DDR, was vor allem in antiamerikanistischen Motiven begründet lag. Diese jahrzehntelangen politisch gesteuerten Traditionen sind einzigartig in Dresden. Einzigartig und in den Worten von Laurin beschämend ist vor allem jedoch der Umstand, dass an den öffentlichen Gedenkkundgebungen am 27.01. Und am 9.11. kaum 300 Menschen teilnehmen, während zum 13.02. zehntausend Menschen zusammenkamen.
Dahingehend möchten wir damit schließen, dass dein Hinweis für eine Wissenschaftliche Arbeit vielleicht angemessen wäre, bei diesem Kommentar hingegen sich an einer rethorischen Spitze aufhängt, die zwar unpräzise, aber im Wesentlichen korrekt ist.
Wurden die 3.500 Teilnehmer der Gegendemonstration dann auch gleich darum gebeten, zukünftig an der Veranstaltungen anläßlich des 9. November und des 27. Januar teilnehmen? Ich für meinen Teil war am 9. November am Hasenberg und hätte mir sehr gewünscht, dort wesentlich mehr Menschen anzutreffen. Wobei ich erst am Nachmittag dort war, der offizielle Teil war da wohl schon vorbei, die Absperrungen auf der Akademiestraße lassen aber hoffen, dass es da vorher doch einige mehr Teilnehmer gab.
Die Aussage, dass die Opfer der Bombardierungen deutscher Städte nur in Dresden gedacht wird, ist keine rethorische Spitze. Es handelt sich um eine falsche Aussage, die so gewählt wird, weil es in das Argumentationsschema passt. Es wäre eine Leichtes gewesen, auf diese und ähnlich gelagerte Formulierungen zu verzichten. Allerdings würde sich dann ganz wesentlich die beabsichtigte Aussage nicht mehr darstellen lassen. Übrigens hatte die Menschenkette dieses Jahr „nur“ 5.000 Teilnehmer. Aber ich bin mir sicher, dass sich bei einer Fortsetzung der Argumentation „Es starben durch die Bombardierung Dresdens 25.000 Täter“ deren Zahl steigen wird. Auch gegen diese Art von Instrumentalisierung des Gedenkens steht die Menschenkette.
Dieser Beitrag hat mich genauso wütend gemacht, wie die Nazi-Aufmärsche Jahr für Jahr.
An diesem Tag wird der Menschen gedacht, die durch die Bombardierung verletzt wurden, sterben mussten. Und es wird gedacht an das daraus resultierende Leid für deren Angehörige! Alle diese Menschen sind auch Opfer, genauso wie die Menschen, die in KZ leiden mussten, starben. Genauso wie die Menschen, die in den Krieg getrieben wurden. Dieses Gedenken ist keine Schande! Die Stadt war voll, nicht nur mit Bewohnern, sondern auch mit Flüchtlingen, die ihre Heimat verlassen mussten, wie auch meine Oma. Sie und ihre Familie, sind an diesem Tag in Dresden angekommen und haben auf ihrer Flucht Grausames erlebt. Und wenn sie nicht trotz ihrer Erschöpfung weitergezogen wären, dann gäbe es vermutlich mich nicht. Ich finde, alle Menschen sind es wert, dass man ihrer gedenkt. Und ja, dieses Gedenken sollte sichtbar sein. Mit Menschenketten, Kerzen, mit allem, was den Gedenkenden wichtig ist! Gerne auch in auch in anderen Städten. Sie, werte Laurin, sollen nicht daran teilnehmen, wenn Sie keinen Bock darauf haben. Aber verurteilen Sie nicht diejenigen, denen es wichtig ist.
Liebe Daniela Langkotz,
Du hast Recht, Gedenken an Angehörige ist keine Schande. Und es tut uns leid, dass dir unser Beitrag persönlich so nahe gegangen ist, weil es uns als Partei und Laurin in deren Kommentar ganz explizit nicht um privates Gedenken geht: „Trauert, wenn ihr das müsst, für euch um Opfer des 13. Februars in eurer Familie.“ Alle sollen, wie auch immer sie es für richtig halten, persönlich um Verluste trauern können.
Laurin und wir fordern schließlich auch nicht, dass es keinen Widerstand mehr gegen Naziaufmärsche geben sollte.
Denn der Text verurteilt scharf, dass sowohl Naziaufmärsche und als auch das öffentliche Gedenken gemeinsam die Trauer um die Opfer- und die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus in Dresden komplett überschatten. Das ist eine Schande. Und das ist die Konsequenz von jahrzehntelangem Versagen nicht auf individueller, sondern auf politischer Ebene.
Deswegen positionieren wir uns so klar gegen das öffentlich organisiertes Gedenken durch den Staat mit Steuergeld. Denn bei der Grundsatzfrage, ob man wirklich auf der strukturellen (nicht individuellen!) Ebene Deutschen im Zweiten Weltkrieg und einer bombardierten deutschen Gauhauptstadt städtisch organisiert gedenken will, antworten wir mit „Nein“. Jeder Mensch darf weiterhin individuell um Angehörige und Einzelfälle trauern, im Grundsatz finden wir öffentliche Trauer um die Deutschen dennoch falsch.
Auch ranken sich um den 13. Februar diverse Opfermythen, die in vielerlei Hinsicht relativierend zu den Kriegsverbrechen der Nazis wirken – der Kontext ist hier extrem entscheidend: Ein „alle Opfer sind gleich“ mag sehr empathisch und menschlich klingen, verschweigt jedoch den größeren Kontext, in dem die Bombardierung stattgefunden hat. Denn es macht einen Unterschied, ob systematisch Millionen Menschen in ganz Europa ermordet und vertrieben wurden, oder ob in der Folge dessen eine kriegswichtige, deutsche Stadt bombardiert wurde. Diese Opfer gleichzusetzen wird sehr schnell zu Geschichtsrevisionismus. Dresden war die letzte intakte Garnisonsstadt im Rücken der Ostfront, Verkehrsknotenpunkt, kriegswichtige Produktionsstätte (Stichwort: Zwangsarbeit) und Ort von Deportationen in die KZs und Schauplatz von Entrechtung und Exekutionen.
Deshalb schmerzt uns auch die Aussage, dass Dresdner – und Sie sprechen hier nicht individuell, sondern kollektiv – genauso leiden mussten, „wie in Auschwitz“. In Dresden, wo auch deshalb hauptsächlich Zivilisten starben, weil Gauleiter Mutschmann lieber in die Rüstungsproduktion investierte statt in Luftschutzbunker. Uns schmerzt, dass dieser Tag im Kollektiven Gedächtnis so wichtig ist, und dadurch den 27. Januar und 09. November maßlos überschattet.
Denn wenn man über zerbombte Gauhauptstädte trauert, ist das nicht im Interesse der Opfer des Nationalsozialismus. Denn es ist keine Aufarbeitung von Täterschaft. Sowohl wir als auch viele Opferverbände können das keine aufrichtige Erinnerungskultur nennen – aber wie gesagt, auf der strukturellen Ebene.
Dieser Text beschreibt zwar eine individuelle Perspektive, kritisiert jedoch – wie wir als Partei auch, das kollektive und staatlich organisierte Gedenken.
Wir wissen dabei sehr wohl, dass individuelle Geschichten immer viel differenzierter sind, als große historische Zusammenhänge. Daher betrauert Laurin selbst die Opfer in der eigenen Familie und würde niemanden dafür verurteilen, das Gleiche zu tun.