Die Campuslinie ist Dresdens bedeutenste Großprojekt im Bereich der Mobilität. Es geht dabei um die Schaffung einer Südtangente für Straßenbahnen von Löbtau aus, entlang der Südvorstadt und des Uni-Campus, bis nach Strehlen. Der Umbau der Haltestelle „Tharandter Straße“ und der Bau des Teilstücks vom Wasaplatz über den S-Bf. Strehlen bis zur Haltestelle „Querallee“ wurden vor einigen Jahren abgeschlossen, für den Abschnitt 1.2 von Löbtau bis zum Nürnberger Platz liefen die Arbeiten diesen Monat an.
Doch um das letzte Teilstück vom Nürnberger Platz, vorbei am Uni-Campus bis zum Wasaplatz entbrennen in letzter Zeit Diskussionen. Stadträte der CDU stellten den Bau des letzten Abschnitts aus Kostengründen in Frage. Zudem ließ die Verwaltung verlauten, dass sie an den ursprünglichen Bauplänen ein paar Änderungen anstrebt: Die Zufahrt aus der Lockwitzer Straße zum Wasaplatz soll zugunsten eines deutlich besseren Verkehrsflusses für den Individualverkehr gesperrt werden und auf dem kurzen Abschnitt entlang der Caspar-David-Friedrich-Straße sollen die Straßenbahnen mit dem Individualverkehr in beiden Richtungen die selbe Spur nutzen, um Grundstückseingriffe zu minimieren. Nun kam es im Bauauschuss zur Auseinandersetzung damit.
Die Union hatte eine alternative Variante ins Spiel gebracht. Vom Nürnberger Platz aus soll die Neubaustrecke nur noch bis zur Ackermannstraße, also bis zur Haltestelle „Zellescher Weg“ gehen. Von da aus sollen die Trams der Linie 4 auf bereits bestehenden Gleisen über Strehlener Platz, vorbei am Zoo und dem S-Bf. Strehlen zum Wasaplatz fahren. Die Vorteile liegen für die CDU dabei auf der Hand: die Variante ist günstiger, da man nur eine ca. halb so lange Neubaustrecke benötigt, sowie einen neuen Gleisbogen von der Gerhart-Hauptmann-Straße in die Tiergartenstraße. Zudem geht man den Problemen am Wasplatz und in der Caspar-David-Friedrich-Straße aus dem Weg, da man dort keine neuen Gleise verlegen muss.
Doch so verlockend das Argument „Kosteneinsparung“ der CDU klingen mag, so schnell lässt es sich auch entkräften. Wenn man die Bahnen der Linie 4 so fahren lassen würde, dann würde sich die Fahrzeit durch den Umweg um 7 Minuten verlängern. Dafür müssten die DVB 2 weitere Fahrzeuge auf der Linie einsetzen, was jährliche Zusatzkosten in Höhe von rund einer Million Euro bedeuten würde. Außerdem müsste die Haltestelle „Zellescher Weg“ dafür umgeplant werden, genauso wie auch der neue Gleisbogen Gerhart-Hauptmann-Straße – Tiergartenstraße geplant werden müsste, obwohl bereits längst fertige Planungen auf dem Tisch liegen, die nur noch ein paar Korrekturen erhalten sollen. Zudem ist unklar, ob der neue Gleisbogen überhaupt genehmigungsfähig wäre, da dieser recht eng werden würde und die Kreuzung dafür vermutlich stark angepasst werden müsste. All das wären zusätzliche Kosten, die auch zu Buche schlagen würden.
Dazu kommt außerdem, dass nicht nur der Betrieb der Linie 4 durch die zusätzlichen Fahrzeuge deutlich teurer, sondern auch der Linienverlauf extrem unattraktiv wäre. Zwischen TU und Wasaplatz wäre der Bus 61 ungefähr doppelt so schnell. Daher würde kaum jemand auf die Linie 4 umsteigen und die Verstärkerfahrten für die chronisch überlastete Linie 61 müssten bestehen bleiben, da die Fahrgastzahlen sich kaum verändern würden. Und diese Verstärkerfahrten kosten genauso auch zusätzliches Geld. Außerdem war ja eigentlich mal das Ziel des Projekts, die Linie 61 zwischen Strehlen und Löbtau nachhaltig zu entlasten. Das wäre damit völlig verfehlt und würde dem Gesamtprojekt einen Großteil seiner Daseinsberechtigung nehmen.
Der größte Faktor ist aber die Förderung. Das Gesamtprojekt wird mit Fördergeldern im dreistelligen Millionenbereich gefördert. Solche Fördergelder sind aber an die Bedingung geknüpft, dass das Projekt auch volkswirtschaftlich betrachtet nützlich ist. Es muss also dafür sorgen, dass Betriebskosten sinken und Fahrgastzahlen steigen. Doch genau beides würde durch den Vorschlag stark in Frage gestellt. Im schlimmsten Falle drohe dadurch die Rückzahlung der Fördergelder. Das sind Summen, die zum Teil schon längst für andere Bauabschnitte ausgegeben wurden und auf die die Stadt in der aktuellen Finanzlage nicht einfach mal so verzichten kann. Mal ganz abgesehen davon, dass die Förderung für das Gesamtprojekt erteilt worden ist und somit auch vollständig realisiert werden muss. Ließe man einen Teil weg, dann müsste man mit den Fördermittelgbern nachverhandeln. Und auch das könnte zu Teilrückzahlungen führen.
Was einen aber vielleicht am meisten den Kopf schütteln lässt: Bei der Zufahrt von der Lockwitzer Straße auf den Wasaplatz handelt es sich nicht um eine hochfrequentierte Hauptroute. Es geht hier um einen Straßenabschnitt, der von 1.100 PKW mit 1.300 Insassen täglich befahren wird. In der Spitzenstunde sind es nichtmal 2 PKW in der Minute. Und es gibt unzählige kleinräumige um großräumige Umfahrungsmöglichkeiten, z.B. durch Altstrehlen, über die Tiergartenstraße oder die Teplitzer Straße. Die CDU und der restliche rechte Block stellen hier das Interesse von 1.300 PKW-Fahrer*innen über das Interesse der 13.000 ÖPNV-Nutzenden, die von der Campuslinie zwischen TU und Wasaplatz profitieren würden und sabotieren daher lieber das größte Verkehrsprojekt in Dresden, als eine mininale Beeinträchtigung des Individualverkehrs in Kauf zu nehmen. Stattdessen führen sie die Campuslinie ad absurdum, mit einer unattraktiven Linienführung der Straßenbahn und einer ausbleibenden Entlastung der Buslinie 61, was ja der initiale Grund für das Projekt war. Gleichzeitig wollen sie auch noch leichtfertig in Kauf nehmen, dass die Stadt Millionen an Fördergeldern, die teils schon längst ausgegeben wurden, wieder zurückzahlen muss.
Auf Beschluss der rechten Mehrheit im Bauauschuss (CDU, AfD, FDP / FB, Team Zastrow) prüft die Stadt jetzt die Umsetzbarkeit der CDU-Variante. Die finale Entscheidung, wie der Abschnitt 1.3 gebaut werden soll, ist auf den Zeitraum nach der Sommerpause vertagt worden. Wir müssen auf das Beste hoffen, und dass die CDU-Variante entweder nicht realisierbar ist oder wie durch ein Wunder im Bauausschuss und später im Stadtrat keine Mehrheit erhält. Denn hier werden 13.000 ÖPNV-Nutzende, Studierende und eine Vielzahl an Mitarbeitenden der TU gegen 1.300 PKW-Fahrende ausgespielt, die ohne relevante Fahrzeitverluste die betroffene Stelle umfahren könnten.

